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Jim Foley – Realität des Terrors (2016): Welche Bilder bleiben hängen?

Jim Foley – Realität des Terrors erzählt die Geschichte eines Kriegsreporters, von der Terrormiliz des IS hingerichtet wurde.                       

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Jim Foley – Realität des Terrors erzählt die Geschichte eines Kriegsreporters, von der Terrormiliz des IS hingerichtet wurde.                                                      

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: HBO DocumentaryFilms / Kunhardt Films

Die Bilder lösten eine Debatte über die Ethik des Hinsehens aus: 2014 wurde James „Jim“ Foley von Terroristen des Islamischen Staats (IS) – anscheinend – vor laufender Kamera hingerichtet. Anscheinend, weil das grausige Propagandavideo der Geiselnehmer im entscheidenden Moment abblendete. Erst danach war der enthauptete Leichnam des US-Journalisten zu sehen war. Fakt ist: Foley wurde anderthalb Jahre nach seiner Entführung in Syrien im November 2012 in den Fängen seiner Folterer ermordet.

Die 2016 erschienene Dokumentation Jim Foley – Realität des Terrors (OT: Jim: The James Foley Story) rekonstruiert die Ereignisse und lässt Familie, Freund:innen sowie mit inhaftierte Journalisten zu Wort kommen. Ihr vorrangiges Anliegen ist es, dem Menschen Foley ein ehrendes Andenken zu bewahren.

Was Kriegsjournalist:innen antreibt – eine Annäherung

Gleichzeitig streift der Film auch verschiedene Aspekte des Kriegsjournalismus. Er betrachtet die Arbeitsbedingungen, unter denen James Foley und seine Kollegen ihren Dienst verrichten, versucht, den Stellenwert von Krisenberichterstattung zu bemessen und stellt natürlich auch die Gretchenfrage: „Warum nimmt jemand bewusst dieses Risiko in Kauf?“

Eine Frage, die im Kontext von Foleys Biografie einen besonderen Nachhall besitzt. Bereits vor seiner Entführung in Syrien war er schon einmal festgehalten worden – nur ein Jahr zuvor von Gaddafi-Getreuen während des libyschen Bürgerkriegs. Bei diesem Überfall, bei dem auch die Journalisten Claire Gillis und Manuel Brabo entführt wurden, starb der Fotoreporter Anton Hammerl. Erst nach 44 Tagen Gefangenschaft kamen die drei wieder frei.

Jim Foley: Ein selbstloser, zu sorgloser Weltverbesserer?

Für Foley war die Gefahr also alles andere als abstrakt. Was es für dessen Familie umso schwieriger macht, zu begreifen, weshalb es ihren Sohn und Bruder kurz darauf an den nächsten Katastrophenherd verschlägt. Die Doku zeichnet das Bild eines selbstlosen, bisweilen naiven Weltverbesserers, der sich über seine journalistische Arbeit hinaus engagierte – etwa, indem er während seiner Zeit in Syrien Spenden für einen Rettungswagen für ein Hospital in Aleppo sammelte.

Auch wenn die Angehörigen seinen Idealismus würdigen, so schwingen gerade in den Aussagen der Brüder deutlich Wut und Verständnislosigkeit mit. Gleich zweimal mussten die Foleys eine lange Zeit der Ungewissheit ertragen. „Wir drücken unseren Familien unsere Entscheidung auf“, stellt ein französischer Kollege fest, der mehrere Monate mit James Foley und anderen Kriegsreportern in Gefangenschaft war.

Journalistische Talking Head versuchen einzuordnen

Zeitweise machte der IS regelrechte Jagd auf Journalisten. Und doch reis(t)en Menschen wie Foley nach Syrien, um auf das Leid der einheimischen Bevölkerung im Bürgerkrieg aufmerksam zu machen. „Ohne diese Bilder können wir nicht erzählen, wie schlimm es sein kann“, äußert sich Foley nach der Freilassung in Libyen bei einer Veranstaltung zu den Beweggründen. Weitere Motive werden in den Interviews mit den journalistischen „Talking Heads“ aufgeworfen.

Einige sind nobel – etwa der Wunsch, als Mitglieder einer Wohlstandsgesellschaft etwas gegen die Ungerechtigkeit in der Welt zu tun. Andere klingen freiheitlich-trotzig („die Bösen wollen nicht, dass man über ihre Schandtaten berichtet“, „Wer Journalisten angreift, greift die Meinungsfreiheit an“). Wieder andere wirken egoistisch: die Suche nach Sinn, das Gefühl, Geschichte hautnah mitzuerleben oder das Privileg, als einziger „Westler“ vor Ort zu sein. Auch niedere Beweggründe wie der berüchtigte Adrenalinkick oder auch eine gewisse „Macho-Aggressivität“ werden thematisiert.

Der Kriegsjournalismus im Wandel

Was – zumindest in den Aussagen aller Beteiligten – keine Rolle spielt, ist der schnöde Mammon. Gerade die Episode in Libyen offenbart beispielhaft den Wandel dieses speziellen Berufsbildes. Die internationale Presselandschaft ist seit den 2000er-Jahren von Einsparungswellen geprägt. Immer weniger Zeitungen und Nachrichtenredaktionen leisten sich den „Luxus“ festangestellter Korrespondenten im Ausland. Die Kriegsberichterstattung wird zu dieser Zeit mehr und mehr zur Domäne von Freiberufler:innen.

Für die erweist sich Libyen im Bürgerkrieg 2011 gewissermaßen ein Schlaraffenland. „Für uns Journalisten war es eine super spannende Zeit“, fasst Claire Gillis zusammen. Die Reise- und Unterbringungskosten vor Ort sind gering und somit für freiberuflich tätige Journalist:innen ohne festes Salär mehr als erschwinglich. Die Einheimischen erzählen bereitwillig ihre Story. Es gibt keine äußere Schutzmacht, die versucht, Berichterstattung in eingebettete Bahnen zu lenken (Stichwort: Embedded Journalism*). Heißt aber auch: Die Journalist:innen sind im Ausland auf sich allein gestellt.

Lesetipp: Mehr zum eingebetteten Journalismus findet sich im Beitrag zu Whiskey Tango Foxtrot. Die Tonalität des Films zwar Geschmackssache. Aber er trifft doch einige interessante Aussagen zum Sujet.

Kann man je einen auf Krieg vorbereitet sein?

Vielleicht auch überfordert? „Wir hüpften einfach zu den Rebellen ins Fahrzeug“, kommentiert ein Kollege hörbar Kopf schüttelnd. Jim Foley – Realität des Terrors geht nie so weit, es direkt auszusprechen. Auch wenn die Interviewten stets die Professionalität und die Ruhe hervorheben, die Foley ausgestrahlt habe: Zwischen den Zeilen kommt durch, dass Foley, ein Umschüler, der vom Lehrer zum Kriegsreporter umsattelte, zu sorglos, zu sehr auf eigene Faust agierte, um den Gefahren des Jobs angemessen zu begegnen.

Inwieweit Foley wirklich auf den Krieg vorbereitet war, ob er ein Krisentraining absolvierte, lässt der Film offen. Es wird jedoch deutlich, dass sich Foley kaum auf professionelle Strukturen im Hintergrund verließ. Wohl, weil er als Freelancer keine umfassende Unterstützung erfuhr. Womöglich, weil seine Unabhängigkeit einem inneren Bedürfnis entsprang. Der Chefredakteur des Bostoner Blattes, für das Foley verstärkt tätig war, wirkt ziemlich ratlos, wenn es darum geht, zu reflektieren, inwieweit er einen Einfluss auf seinen festen Freien hätte ausüben können.  

Essentiell und schwierig: der Kontakt zur Bevölkerung

Wie wichtig eine Anbindung an redaktionelle Ressourcen eigentlich wäre, zeigt sich in den Wirren des Syrischen Bürgerkriegs. Ähnlich wie in Libyen finden die Berichtenden auch hier zunächst Zugang zur einheimischen Bevölkerung, die unter den Repressalien des Diktator Baschar al-Assad leidet (Triggerwarnung an dieser Stelle: Jim Foley – Realität des Terrors zeigt die Folgen des gewaltsamen Vorgehens gegen die Zivilbevölkerung, darunter Körper von toten Kindern, die Opfer von Bombenangriffen wurden). 

Gleichzeitig sind sie auf die Unterstützung der Menschen vor Ort angewiesen – nicht nur, weil diese die Geschichten liefern, die es zu erzählen gilt. Sondern auch, weil sie ihren Gästen, Obdach gewähren, sie mit Essen versorgen und Transportmöglichkeiten bereitstellen. Im Gegenzug erwarten sie die Aufmerksamkeit einer Weltöffentlichkeit und damit eine Aussicht auf eine Verbesserung der Verhältnisse.

Radikalisierung von ehemaligen Kontakten

Als sich zwei Jahren des Bürgerkriegs noch immer keine Wende abzeichnet, schlägt die allgemeine Offenheit in Ernüchterung um. Die Reporter:innen, denen es anscheinend nicht gelungen ist, mit ihren Berichten auf den Kriegsverlauf einzuwirken, sind plötzlich nicht mehr so willkommen wie in den Anfangstagen des Konfliktes. Claire Gilles verweist auf die schleichende Radikalisierung von Personen, „die einen Monate zuvor noch gastfreundlich bewirtet haben“.

Lesetipp: Im Buch „Von den Kriegen“* reflektiert die Kriegsreporterin Caroline Emcke die menschliche Komponente der Krisenberichterstattung – unter anderem, welche Sensibilität der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung verlangt. (*Affiliate Link)

Mitinhaftierte erzählen vom Horror der Gefangenschaft

Als James Foley Ende 2012 entführt wird, sind es schließlich die offiziellen Strukturen, die fehlen, um der Suche nach dem verschwundenen Journalisten Nachdruck zu verleihen. Die amerikanischen Behörden sich halten im Hintergrund. Die Foleys versuchen, mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, Öffentlichkeit zu erzeugen. Kritik an der Regierung wird laut, ohne das persönliche Drama zu übertönen – andere Länder schaffen es, „ihre“ Reporter zurück ins Land zu holen.

Im letzten Drittel der Dokumentation rückt die Zeit der Gefangenschaft in den Fokus. Durch die eindringlichen Schilderungen dänischer und französischer Mitgefangener wird das perfide Martyrium der Entführten greifbar – auch wenn wir die Qualen nicht einmal ansatzweise nachempfinden können. Gleichzeitig erreicht hier das Narrativ des unheldenhaften Helden seinen Höhepunkt.

Jim Foley – Realität des Terrors legt es auch auf Emotionen an

Selbst unter den unmenschlichsten Bedingungen erweist sich Foley als barmherziger Samariter. Ein Bild, das zwar der Wahrheit entsprechen mag, aber fast schon den Charakter einer Erlöser-Erzählung annimmt: Foley, der als einer religiösen Familie entstammt und – gemäß IS-Propaganda – für die Sünden der USA mit dem Leben bezahlt. Dazu passt die Gefasstheit, mit der James Foley die Anklage der Dschihadisten verliest. Der Film verzichtet darauf, die berüchtigten Aufnahmen bis zu ihrem erschütternden Ende zu zeigen

Dass dieser Clip womöglich lange vor der „echten“ Enthauptung entstand, diese Diskussion greift Jim Foley – Realität des Terrors nicht auf. Auch die Täter-Perspektive bzw. die Tatsache, dass sich unter den Folterern britische Staatsbürger befanden („Jihadi John“) bleiben außen vor. Das ist nachvollziehbar.* Jedoch konzentriert sich die Dokumentation zum Ende hin zu sehr darauf, eine emotionale Wirkung zu erzielen, nicht zuletzt mit tatkräftiger musikalischer Unterstützung. Der Filmsong The Empty Chair von Sting und J. Ralph war dabei so erfolgreich, dass er 2017 für den Oscar nominiert war.

* Die 2023 erschienen Dokumentation Die Geiselnehmer – Zeugnisse aus der IS-Hölle wagt sich an diese Perspektive heran und lässt auch Mitglieder der als The Beatles berüchtigten IS-Wärter zu Wort kommen.

Inhaltlich wird es nach hinten heraus dünn: Der Film streift zwar noch Foleys mediales Vermächtnis – sein Tod sei, so heißt es, das meistbeachtete Nachrichtenereignis seit dem 11. September gewesen – wendet sich dann aber vom weiteren Schicksal der Menschen in Syrien ab. Ein solcher Schlusspunkt wäre vermutlich nicht im Sinne Foleys gewesen.

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Jim Foley – Realität des Terrors ist eine interessante wie intensive Dokumentation, der viel zum Wesen des Kriegsjournalismus beizusteuern weiß. Leider drückt der Film zum Ende hin zu sehr auf die Tränendrüse – dabei wären noch einige Fragen offen gewesen. Nichtsdestotrotz: eine Empfehlung. Wenn du den Film sehen möchtest – über den folgenden Affiliate-Link kannst du ihn erwerben. Du zahlst nicht mehr als sonst, aber du unterstützt den Betrieb von journalistenfilme.de.

Jim Foley – Die Realität des Terrors auf DVD und im Stream

 

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